Der erste Schulblock ist schon etwas länger vorbei, der erste Urlaub wurde genossen (auch wenn es nur ein Tag war) und wir stecken mittendrin im ersten Praxisdienst. Dieser begann am 22.09.2014. Und zumindest für mich und die Mitschüler, die an der gleichen Klinik angestellt sind wie ich, begann er recht entspannt und gemütlich. Wir waren eingeladen, uns um 8:45 Uhr an der Klinik einzufinden, wo wir erst von der Pflegedienstleitung und dann von unserer Haupt-Praxisanleiterin begrüßt und mit allerlei Informationen rund um das Krankenhaus ausgestattet wurden.
Im Anschluss wurden wir im Raum der Stille bei den Krankenhausseelsorgern angeliefert. Ein Beruf, den ich mir auch gut hätte vorstellen können. Dort verbrachten wir fast 1,5 Stunden, in denen wir über den Sinn und Zweck des Raumes der Stille und den eines Krankenhausseelsorgers redeten und unser bisheriges Leben malen sollten…(!)

Anschliessend gab es lecker Mittagessen in der winzigen Kantine des Krankenhauses. Das Gulasch, das sogar recht lecker aussah, war leider direkt leer geworden, bevor ich an der Reihe war. Also mussten Pfannkuchen herhalten, meinen Hunger zu stillen. Weiter ging es mit einer kleinen Rallye durchs Haus, um dieses etwas kennenzulernen. Dies wurde von uns beinahe sträflich boykottiert. A., ein Mitschüler von mir, hatte nämlich bereits ein Jahr ein Praktikum in der Klinik gemacht und so konnten wir beinahe alle Fragen beantworten, ohne durchs ganze Haus rennen zu müssen.
Kurz darauf war dieser erste Tag auch schon vorbei. Am Dienstag sollte es dann richtig losgehen.

Dienstag, 5:50 in der Früh. Herr Krankenschwester betrat gut gelaunt die Station. Hier warteten jede Menge mehr oder weniger gut gelaunte und wache Pflegerinnen und Pfleger darauf, mit der Dienstübergabe von der Nachtschicht beginnen zu können. Einige davon begrüßen mich, einige nehmen mich offenbar kaum wahr. Naja, es ist ja noch früh. Die Übergabe beginnt und ich verstehe zu 90% nur eines: Bahnhof. Trotzdem mache ich mir ein paar Notizen. Ich werde schon wieder reinkommen und das Fachlatein schnell verstehen. Zumindest schreibe ich mir das auf den Zettel… im Kopf… so als kleines Ziel für diesen Block.
Im Anschluss werde ich von meinem Praxisanleiter noch einmal genauer begrüßt und instruiert. Da ich auf einer chirurgischen Station gelandet bin, habe ich wie erwartet nur wenig Patienten, die gewaschen werden müssen. Die meisten versorgen sich komplett allein oder benötigen nur ein wenig Unterstützung. Mein erster Auftrag: In Zimmer X wartet Frau Ill* darauf, dass ein sympathischer junger Mann sie bei der Körperpflege am Waschbecken unterstützt. Das klingt nach einem Auftrag für Herrn Krankenschwester. Also hinein ins Gefecht.

Nun habe ich ja schon diverse Erfahrung darin, Menschen bei der Körperpflege zu unterstützen und so meisterte ich diesen Auftrag mit links. Nachdem alle Patienten versorgt waren und auch ihr Frühstück erhalten hatten, hatte ich Zeit einen Bogen für das Erstgespräch mit meinem Praxisanleiter auszufüllen. Hier wurde ich vor allem danach gefragt, was ich mir von diesem Praxiseinsatz erwarte und wo meine Schwächen und Schwächen in der Pflege liegen. Ich habe als Schwäche das Messen der Vitalzeichen und da insbesondere des Blutdruckes angegeben, da es mir doch sehr schwer fiel, den ersten Schlag zu hören. Zumal ich die Technik bisher kaum üben konnte.
Im anschließenden Gespräch mit meinem Praxisanleiter nahm dieser das zur Kenntnis und entschied, dass ich dies zusammen mit zwei Praktikanten dann ja sofort mal üben könnte. Die Modulübung, die ich in diesem ersten Einsatz zum Thema Vitalzeichen absolvieren soll, wollte er mir noch am selben Tag abnehmen. Das überrumpelte mich nur dezent. Aber gut. Einen Versuch kann man ja mal starten. Ich ging zunächst die Theorie mit den Praktikanten durch (Der eine war  Medizinstudent und hatte entsprechend Ahnung.) und übte anschliessend am Arm der Praktikantin. Und dann ging es an die Patienten.
Als mein Praxisanleiter später die Prüfung abnahm, konnte ich diese mit Bravour bestehen. Mittlerweile fühle ich mich beim Messen von Blutdrücken sicher. Manchmal ist ein Sprung ins kalte Wasser halt doch das beste.

Und am selben Tag konnte ich noch eine zweite Unterschrift unter einer Modulübung ergattern, nachdem mein Praxisanleiter mich in die EDV der Station eingeführt hat. Nur noch zwei Modulübungen und ein Modulabschluss und dann habe ich alle Prüfungen im ersten Block erledigt. Das geht ja irgendwie fix.

Kurz zur Erläuterung: Bei einer Modulübung handelt es sich um eine praktische Übung zu einem bestimmten Thema, welche vom Praxisanleiter beobachtet und mit bestanden oder nicht bestanden bewertet wird. Bei einem Modulabschluss ist der Kontaktlehrer der Schule ebenfalls anwesend und bewertet die Übung mit einer Note von 1 bis 6.

Die nächsten zwei Tage, also Mittwoch und Donnerstag hatte ich Spätdienst. Diese stellten sich als deutlich zäher heraus, als die Frühdienste. Was allerdings auch an den jeweiligen Pflegerinnen liegen konnte, mit denen ich unterwegs war. Zumal die eine davon extremst demotiviert erschien, was ich ja in sozialen Berufen für eher nicht so toll halte.
Nachdem ich am Freitag dann einen freien Tag gehabt hatte, ging ich Samstag und Sonntag wieder in den Frühdienst. Gemütliche zwei Frühdienste, die ich mit zwei examinierten Pflegerinnen und einer Schülerin aus einem höheren Kurs verbringen durfte. Und diese vergingen wieder ruckzuck. Auch, wenn der Samstag mit einem kleinen Schrecken begann:

Die andere Schülerin und ich waren gerade in einem Zimmer, in dem drei ältere Damen liegen. Zwei werden an der Bettkante versorgt. Die dritte – Frau Ill* – versorgt sich mit Hilfe am Waschbecken. Y. (die Schülerin) platzierte Frau Ill also auf dem Toilettenstuhl und fuhr sie zum Waschbecken, während ich begann die anderen beiden Damen zu versorgen. Als Frau Ill fast fertig war, klagte sie plötzlich über Schwindel und war einen Augenblick später auch schon ohne Bewusstsein. Y. rief mir sofort zu, Alarm zu geben und einen kurzen Augenblick später kamen auch schon die beiden examinierten Pflegerinnen. Da Frau Ill jedoch immer noch ohne Bewusstsein war, immerhin schon über eine Minute, rief eine der beiden Pflegerinnen das Reanimations-Team von der Intensivstation, welches für so einen Fall jederzeit bereit ist.
Als dieses kam, war Frau Ill allerdings endlich wieder bei Bewusstsein und auch ansprechbar. Wie sich später herausstellte, muss es sich um einen “gewöhnlichen” Schwächeanfall gehandelt haben, denn die Werte waren alle soweit in Ordnung.

Mein Blutdruck und Puls dürften jedoch für den Rest des Wochenendes schön kräftig gewesen sein.

Der Dienst am Wochenende war bisher wirklich am angenehmsten. Abgesehen von diesem Vorfall sehr ruhig ohne dabei langweilig zu werden. Die Zeit verging wie im Fluge und ganz nebenbei hatte ich Zeit einige Dinge kennenzulernen und auszuprobieren. Auch dank der anderen Schülerin, die mir einiges zeigen konnte.

Nachdem ich am Montag erneut einen freien Tag gehabt hatte, kam gestern dann wieder ein Frühdienst. Und zwar ein recht anstrengender. Dies lag an einer Patientin, die aufgrund eines MRSA-Keims isoliert war. Zusätzlich war diese Frau Ill auch noch durch einen Schlaganfall einseitig stark in ihrer Bewegung eingeschränkt. Hinzu kommt eine Angst vor beinahe allem. Damit nicht genug konnte diese Frau Ill auch nicht wirklich sprechen, sondern äußerte sich nur mit einem bestimmten Laut. Die Vermutung lag nahe, dass sie zwar sprechen wollte, dies jedoch einfach durch den Schlaganfall nicht konnte. Denn sie schien alles zu verstehen und reagierte traurig oder enttäuscht, wenn man sie nicht verstand.
Während unseres Frühdienstes hatte Frau Ill abgeführt. Allerdings in einer gewaltigen Menge, so dass nicht nur ihre Schutzhose, sondern leider auch die Bettwäsche großflächig verschmutzt ware und gewechselt werden musste.

P., ein Mitschüler aus einem höheren Kurs, und ich hatten die glorreiche Aufgabe, dies zu erledigen. Ansich wäre dies kein Problem gewesen. Frau Ill müsste sich auf die Seite legen, so dass wir das Laken zur Hälfte wechseln und ihr Gesäß reinigen könnten, danach Seitenwechsel und den Rest erledigen. Noch schnell neue Bettwäsche, eine frische Schutzhose und fertig. Soweit die Theorie. Leider machte uns die Angst und der Wille von Frau Ill einen Strich durch die Rechnung. Sie bestand darauf, sich auf einen Stuhl zu setzen, während wir das Bett frisch bezogen.
Da ergaben sich zwei Probleme. Zum einen war Frau Ill durch die halbseitige Lähmung nur schwer in der Lage sich selbstständig auf einen Stuhl zu setzen und ihre Angst ließ es zunächst nicht zu, dass wir ihr helfen konnten. Zum anderen konnte Frau Ill auch nicht einfach einen Moment stehen bleiben, so dass man ihr Gesäß schon einmal hätte reinigen können. So saß sie nach einiger Zeit und vielen Mühen zunächst einmal auf dem Stuhl in ihrem Stuhl. Nicht schön, aber was soll es.

Ich konnte dann das Bett schon einmal beziehen, während P. Frau Ill soweit säuberte, wie es die sitzende Position zuließ. Im Anschluss schafften wir es mit viel Probieren, Überreden und Geduld dann doch Frau Ill aufs Bett und auf die Seite zu bewegen, so dass eine endgültige Reinigung möglich war.
Man muss bedenken, dass wir aufgrund des MRSA-Keims beide einen Schutzkittel und einen Mund-Nasen-Schutz tragen mussten. Das sorgte nicht unbedingt dafür, dass wir komplett erfrischt aus dem Zimmer, welches im Übrigen irgendwie ziemlich eng war, kamen. Insgesamt haben wir 1,5 Stunden benötigt, um Frau Ill zu versorgen. Eine Menge Aufwand, aber Frau Ill hat es uns auf ihre Art gedankt und ich finde, dass es das alleine dann schon wert ist.

Heute hatte ich erneut einen freien Tag und morgen geht es dann wieder in den Frühdienst. Ich hoffe, dass ich einen Patienten antreffen werde, welcher fit genug ist, mit mir zu reden, dessen Krankheitsgeschichte interessant ist und der bereit ist, mir Auskünfte zu erteilen, denn dann kann ich die nächste Modulübung angehen. Es geht um das Wahrnehmen und Beobachten. Man darf gespannt sein.

 

 

* = Aus Gründen des Datenschutzes werde ich natürlich keine Patientennamen verwenden. Da Abkürzungen schon für Lehrer und Kollegen reserviert sind, habe ich mich beschlossen, alle Patientinnen als “Frau Ill” und alle Patienten als “Herr Sick” zu bezeichnen.